Predigten

Diese Seite entspricht nicht den strengen Richtlinien der Autorenrechte. Wie sollte es auch, schöpfe ich doch beim Schreiben der Predigten aus Wissen meiner Studienzeit. Ich weiß oft nicht mehr, wo ich dieses oder jenes das erste Mal gehört habe und von welchem Theologen es stammt bzw. wo dieser es gesagt oder geschrieben hat. Wenn ich allerdings aus aktuellen Predigtmeditationen, Internetseiten, Büchern, Zeitungen anderen Quellen schöpfe, bin ich bemüht, dies anzugeben.

Pfarrer Ulf Döring

SEGEN – Mehr als Gutes wünschen

Predigt zum Thema:
SEGEN – Mehr als Gutes wünschen

Ein alter Mann ist vollkommen taub. Aber er geht jeden Sonntag zum Gottesdienst. Als ihn (per Zettel) schriftlich fragt, warum er in die Kirche geht, obwohl er kein Wort versteht, antwortet er: „Der Segen!“

Der Herr segne dich und behüte ich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (4.Mose 6, 24-26)

Dieser Segen wird in nahezu jedem Gottesdienst gesprochen. Weil unsere jüdisch-christliche Tradition ihn als den trefflichsten Segen empfunden hat.

Sicher - für manche ist es der Abgesang: Gleich haben wir es geschafft und der Gottesdienst ist zu Ende. – Für manche aber ist es ein ganz dichter Moment im Gottesdienst.

Was ist er nun, der Segen? Was geschieht beim Segnen? Und was ist die Haltung, sich segnen zu lassen? Darüber möchte ich mit Ihnen und Euch nachdenken!

Oft hilft es, das Gegenteil zu benennen, um das Wesen von etwas auszudrücken. In Christa Wolfs Buch
Kassandra weissagt die Seherin den Eroberern Trojas: „Wenn ihr aufhören könnt zu siegen, wird diese eure Stadt bestehen.“ Und im Gespräch mit dem Wagenlenker fügt sie hinzu: „Ich weiß von keinem Sieger, der es konnte.“

Dieses Zitat beschreibt eine dem Segen lebensfeindliche Haltung. Sie ist in unserer westlichen Welt zu einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit geworden“, schreibt Fulbert Steffensky in seinem Buch „Das Haus, das die Träume verwaltet“. Steffensky bringt diese unsere Lebenshaltung auf den Punkt mit der geläufigen Redewendung: „Jeder ist seines Glückes Schmied. D.h. Leben hast du nur, wenn du es dir eroberst, erkämpfst, erarbeitest, verdienst.“

Weiter schreibt der Theologe und begnadete Redner und Buchautor: „Wir haben diese Lebenshaltung so selbstverständlich eingeatmet, dass eine andere kaum mehr Raum in uns hat. Nämlich die Fähigkeit, das Leben anzunehmen, einfach so, als Geschenk. Unverdient – einfach nur der Empfangende, der Beschenkte zu sein. Mal nichts tun müssen. Mal nicht der Macher sein. Nur passiv und doch mit der ganzen Fülle versehen.

Der Segen ist der Ort höchster Passivität. Es ist der Ort, an dem wir werden, weil wir angesehen werden: Es leuchtet ein anderes Antlitz über uns, als das eigene; es ist ein anderer Friede da als der erkämpfte, der eroberte. Der Ausgang und der Eingang muss nicht unaufhörlich mit eigenen Truppen bewacht werden, sondern sie sind von Gott behütet.

Der Segen ist somit der dichteste Moment unseres jüdisch-christlichen Glaubens. Im Segen wird das gesagt und getan, was das tiefe Geheimnis unseres Glaubens ist: Gottes Gnade über uns wir erfahrbar, wird im Segen inszeniert!“

Soweit Fulbert Steffensky in seinem wunderbaren Buch über die verschiedenen Gesten und Vollzüge unserer Kirche, nämlich: „Das Haus, das die Träume verwaltet“.

Erst in dem Moment, wo ich aufhöre, Regisseur meines Lebens sein zu wollen, sein zu müssen, erst wenn ich das Lenkrad nicht mehr verkrampft festhalte, sondern locker lasse, kann Gottes Kraft in meinem Leben wirken.

Sich segnen zu lassen, Segen zu empfangen – wir werden wohl erst dann die volle Tiefe dieser Handlung erspüren, wenn wir zum Loslassen, zur Passivität bereit sind.

Sich segnen lassen, Segen empfangen ist somit gelebte Rechtfertigung! Nicht durch eigenes Tun erwerbe ich mir Ansehen vor Gott. Denn ich bin bereits angesehen. Bin unendlich wertvoll.

Wer sich nach dem Segen ausstreckt, öffnet sich für diese Gnade, die Gott ihm im Glauben schenkt.

Der Segen ist also kein Abgesang, sondern entspringt der Mitte unseres Glaubens!

Damit ist bereits das Wichtigste zum SEGEN gesagt!!!

Die Predigt aber noch nicht ganz am Ende:
Um einer Sache auf die Spur zu kommen, hilft es aber auch, die Bedeutung des Wortes anzuschauen. SEGEN – SEGNEN – stammt vom Lateinischen
SIGNARE ab. Signare heißt: ein Zeichen setzten, etwas mit einem Zeichen versehen. Unser Signieren stammt davon ab. Wir setzten unsere Unterschrift unter ein Dokument. Erklären uns damit einverstanden. Zeichnen es als gültig.

Setzt Gott mit dem Segen demnach seine Unterschrift über uns und unser Leben? Erklärt das für gültig, was wir tun? Und ist mit dem einverstanden, was wir noch alles planen und tun wollen?

Heißt segnen, dass Gott all unser Tun abnickt?

Und noch weiter gefragt: Ist ein von Gott gesegnetes Leben ein Leben, in dem dann auch immer alles glatt und gut ausgeht?

Wagen wir uns an die Antworten:
Wenn Gott uns segnet, heißt das, dass er uns seine Nähe zuspricht. Diese begleitende Nähe geht mit Ihnen und Euch, wenn ihr gesegnet aus dem Gottesdienst geht. An Weggabelungen des Lebens, an wichtigen Stationen versichern wir uns eben seiner Nähe. In der Taufe, wie in der Konfirmation, in der Eheschließung wie auch auf dem Sterbebett.

Spätestens hier im Sterben, wird klar, dass es vornehmlich nicht um Gelingen und Erfolg geht. – Ja es wäre geradezu banal, wenn Die Wünsche nach Gottes Segen 1:1 austauschbar wären mit „Ich wünsch dir alles Gute.“

Gottes Nähe im Segen ist mehr!
Gottes Segen empfangen heißt, Anteil an Gott zu bekommen. Er, der mächtiger ist, als alle bösen Mächte und Gewalten … Wenn wir Gottes Segen zugesprochen bekommen, dürfen wir darauf vertrauen, auch in allem Schweren und Schlimmen nicht ohne ihn zu sein. Nicht ins Bodenlose fallen zu müssen, nicht dem Bösen schutzlos ausgesetzt zu sein. Sondern einen Beistand zu haben. – Egal wie es ausgeht.

Somit muss Gott auch nicht alles für gut erklären, was wir gegenwärtig tun und in Zukunft planen.
Und so, wie in diesen Tagen manche Eltern ihr Signum unter das Halbjahreszeugnis ihrer Kinder setzten, auch wenn sie mit den Zensuren nicht wirklich zufrieden sind. So segnet Gott unsere Tun und Lassen. D.h. er weiß darum, er trägt es mit. Auch weiß er, wie dieses oder jenes zustande gekommen ist. Und trägt doch mit dem Segen den Wunsch nach Veränderung an uns heran.

Besonders deutlich wird diese Ambivalenz des Segens – nämlich zum einen Ort höchster Passivität einerseits zu sein und andererseits Segensraum zu schaffen, der für Veränderungen offen ist – diese Ambivalenz kommt in der Konfirmation zum Ausdruck.

Einerseits sagt Gott zu den halbfertigen Jugendlichen: „Ja, du bist in meinen Augen angesehen. Du kannst aufhören, darüber zu grübeln, wer du bist … und ob du wertvoll bist. Du bist etwas Besonderes. Du kannst dich ganz in mich fallen lassen, weil ich mit meiner Nähe bei dir sein werde.“
Und andererseits öffnet der Segen, der Segensspruch einen Raum, in den hinein der Jugendliche treten kann. Einen Raum, in dem er wachsen kann und wo er – mit Gottes Hilfe – sich ganz einbringen kann.

Diese Ambivalenz des Segens konnten wir auch eben in der Lesung aus dem 1. Petrusbrief heraushören:
„Seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.“

Etwas, was ich ererbe, kann ich nur empfangen. Aber nicht selber machen. Wenn ich es aber empfange, kann ich es sehr wohl weitergeben.

Dies wäre der dritte Gedanke, der zum Thema SEGEN anklingen sein sollte: Segen lebt immer vom Weitergeben!

Wir können, ja wir dürfen einander segnen. Den Raum, in den Gott uns hineingestellt hat, in diesen Raum dürfen wir andere mit hineinnehmen. Damit die Nähe Gottes, die uns zugesagt ist, auch anderen erfahrbar wird.

FRAGE: Wer von Ihnen und Euch hat schon mal anderen Menschen Segenswünsche zukommen lassen?

FRAGE: Und wer hat diesen Segen auch inszeniert. Indem er den anderen wirklich selbst gesegnet hat – mit einer Geste, einem Zeichen?

Hiermit tun wir gestenarmen Protestanten uns bekanntlich schwer!

Die einfachste Segensgeste ist, sein Kind auf dem Weg zur Schule, wenn es morgens das Haus verlassen will, ein kleines Kreuz auf die Stirn zu zeichnen, und dabei zu sprechen. "Der Her segne dich und behüte dich.“ Und dann noch einen Kuss geben…

Etwas umfänglicher ist der Abendsegen am Bett, wie er im blauen Kindergesangbuch steht, das Tiki Küstenmacher illustriert hat. Neben den Worten berühren die Hände der segnenden Eltern das Kind:

So wie meine Hände auf deinem Kopf
(Hände auf den Kopf)
beschützt dich Gottes Segen.


So wie ein Mantel dich umhüllt
(Hände streichen von Kopf bis Fuß den Körper entlang)
ganz leicht und warm,
umgibt dich Gott auf allen Deinen Wegen.


Nun schließe die Augen
(Hände auf die Augen)
und atme ruhig ein,
(Hände auf die Brust)


Denn du sollst heut und morgen
gut behütet sein. Amen
(Kreuzeszeichen auf die Stirn oder Hände)


Glauben Sie mir, das Kind wird anders einschlafen, als wenn es ohne diesen berührenden Segen ins Bett gehen würde.

Am Sterbebett hingegen, da empfiehlt es sich, das Vater unser zu beten und dann den trinitarischen Sterbesegen aus dem 8. Jahrhundert zu sprechen, dabei die Hände auf den Kopf des Sterbenden zu legen und am Ende ein Kreuz auf die Stirn oder die Hände zu zeichnen.

Der Segen geht so:

Es segne dich Gott, der Vater,
der dich nach seinem Bild geschaffen hat.

Es segne dich Gott, der Sohn,
der dich durch sein Leiden und Sterben erlöst hat.

Es segne dich Gott, der Heilige Geist,
der dich zum Leben gerufen und geheiligt hat.

Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist
geleite dich durch das Dunkel des Todes.

Er sei dir gnädig im Gericht und gebe die Frieden
und ewiges Leben. Amen.

Oder mit etwas weniger liturgischen Wendungen:

Gott öffne dir die Tür, und lade dich ein.

Er breite seine Arme aus
und rufe: Komm wieder Menschenkind.

Er rufe dich beim Namen,
dass du dich zuhause fühlst.

Er umarme dich
und schenke dir ewige Geborgenheit.

Er reiche dir die Hand
und vergebe dir alle Schuld.

Er führe dich in das Land 
des ewigen Friedens. Amen

 

Liebe Schwestern und Brüder,
wir sind eingeladen, zu segnen. Andere zu segnen!

Und doch sind es nicht wir selbst, von denen der Segen kommt.

Gott selbst ist es. Er tut es durch uns. Wir sind nur Werkzeug. Wir nehmen den oder die andere aber in den Segensfluss hinein, in den wir selbst auch hineingenommen sind.

Wir holen den oder die andere in den Raum, in den Gott uns hineingestellt hat. Die Nähe Gottes, die uns selbst zugesagt ist, sie wird so auch vom anderen erfahrbar.

Amen

Pfarrer Ulf Döring

Seligpreisungen Matth.5 1-12 - Predigt zum Reformationsfest 2015

Liebe Schwestern und Brüder!
Schon 100mal gehört, die Worte der Seligpreisung. Gern werden sie zu diesem oder jenem Anlass gelesen. Es gibt sie gedruckt auf Spruchkarten, verziert mit schönen Bildern. Manche nehmen den einen oder anderen Vers als Tauf- oder Konfirmationsspruch. Und wenn wir die Seligpreisungen lesen oder hören, wissen wir, das die Barmherzigen Barmherzigkeit erlangen werden und die, die reinen Herzens sind, Gott schauen.

Schon 100mal gehört. Und doch kann ich sie nicht auswendig daher sagen. Und schon gar nicht mir die Reihenfolge merken.
Zu dicht ist, was Jesus hier sagt. Zu bedeutungsschwer, als dass man sie einfach nur so, wie ein Gedicht, aufsagt.

Viel, ja viel mutet uns Jesus zu. Mit der Bergpredigt sowieso. Und … mit den Seligpreisungen, die die Bergpredigt eröffnen.

Viel mutet er uns zu, weil wir Menschen doch eher anders herum gestrickt sind!

Wer von uns hält die Sanftmut schon durch? Wer die Verfolgung um der Gerechtigkeit willen? Wer ist bedingungslos friedfertig? Und wer wirklich rein im Herzen?

Sieht es in uns und um uns herum nicht ganz anders aus?

Martin Luther sagt kämpferisch und doch auch wieder nüchtern im Blick auf uns Menschen: „Alles ist in der Habsucht ersoffen wie in einer Sintflut,“

Ich frage: Sanftmut und Barmherzigkeit, Friedfertigkeit und Herzensreinheit – sind das Tasten auf der Klaviatur unserer menschlichen Gefühle? Und – kommt auch wirklich etwas zum Schwingen, wenn diese angespielt werden? – Und wie lange schwingen diese, wenn wir die Tasten wieder loslassen?

Oder noch anders gefragt: Können wir uns solcher Herzensregungen überhaupt noch leisten? In einer Gesellschaft, die der Gewinnoptimierung verschrieben ist?

Ich hatte diese Woche ein Gespräch mit dem Geschäftsführer einer mittelständigen Firma. Ein Mann aus der Wirtschaft, der bestätigte, wie hart das Wirtschaften im Kapitalismus ist. Nur wenn der einzelne all seine Kraft und Zeit investiert, bleibt er am Markt. Sonst wird ein anderer besser sein und einen selbst verdrängen…

Wo Menschen das letzte aus sich herausholen – was bleibt dann noch in ihnen, frage ich mich seit längerem. Es gibt so viele Menschen um uns herum, die in der Tat an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten, nein fast schon vegetieren. Die im Beruf alles geben und dann erschöpft auf die Matte fallen.

Auch frage ich mich: Ist unsere Gesellschaft so schnelllebig und so unbarmherzig geworden, dass nur noch die Starken durchhalten können.

Und frage weiter: Wie viel Ehrgeiz treibt die Starken dabei an? Oder ist es nur das fatale Wissen, dass man den mehr oder weniger gut bezahlten Job verliert, wenn man nicht alles gibt, was man geben kann. – Und – um mit Luther zu fragen - wie viel Habsucht wohnt unter uns allen, die wir uns an diesem gnadenlosen Spiel beteiligen?

Nein, unsere Gesellschaft funktioniert nicht wirklich so, wie Jesus es uns in der Bergpredigt verheißen hat.
Sie funktioniert eher, wie Friedrich Schorlemmer die Seligpreisungen mit spitzem Stift ins Heute umformuliert:

Glücklich sind, die cool bleiben; sie überstehen alles kerngesund.
Glücklich, wer zur Erbengeneration gehört; er braucht sich keine Gedanken um seine Zukunft zu machen.
Glücklich sind die Abgeklärten, die kühlen Verstand und gesundes Misstrauen haben, die haben immer Recht und werden nicht enttäuscht.
In die Faust lachen sich die, die sich mit Macht durchzusetzen verstehen, denn sie drängeln alle beiseite und kommen groß raus.
Glücklich sind die, die stets mit den Wölfen heulen, mit der Meute rennen und sich ihren Happen zu sichern wissen.
Glücklich, wer es versteht, immer auf der Siegerseite zu stehen, wer es versteht, die gesetzlichen Schlupflöcher für sich zu nutzen, denn er ist nicht zu fassen.“

 

Jesus, der große Menschenkenner – ich denke, er wusste, was in unseren Herzen lebt - damals, wie heute. Denn wir Menschen haben uns nicht wirklich verändert?

Hat er vielleicht gerade deshalb in der Bergpredigt ein Kontrastprogramm formuliert? – Die Seligpreisungen als Kontrastprogramm unseres real existierenden Kapitalismus? Kontrastprogramm unserer engen und egoistischen Herzen?

In der Tat. Wenn wir kein Gegenüber haben, halten wir alles, wie es ist, für normal und gegeben. Wenn wir kein Weiß kennen würden, käme uns das Schwarz gar nicht mehr so dunkel vor.

Erst im Kontrast des Guten erkenne ich, wo ich nicht gut bin!

Wollen uns die Seligpreisungen also Beine machen. Beine, um uns aufzuscheuchen aus so mancher Bequem- und Behaglichkeit? Auszubrechen auch aus den gewaltvollen Verstrickungen und unseligen Abhängigkeiten.

Und uns gleichzeitig die Augen öffnen, um nicht blind für die zu sein, die unser unbarmherziges System an den Rand gedrängt hat?!? Die wir an den Rand gedrängt haben?

Offen für die, die wirklich Leid tragen.
Offen und Raumgebend für die, die sich heute noch trauen, sanftmütig und barmherzig zu leben.

Und die zu ertragen, die immer wieder Gerechtigkeit einfordern. - Gerechtigkeit in einer Zeit, wo das Unrecht längst unser westliches Gesellschaftssystem umgreift. Und auch deshalb Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat, um nicht länger Opfer zu sein.

Die Seligpreisungen – sie sind Kontrastprogramm, Sehhilfe und Zumutung zugleich!

 

Und… als viertes, sie lehren mich ganz auf Gottes Gnade zu vertrauen!

Weil, weil ich weiß, dass ich sie nie erfüllen werde. Nie erfüllen … die hohen Ansprüche, nie die großen Herzensregungen durchhalten kann, die den Seliggepriesenen gelten. – Ich werde es nie so erfüllen!

Darunter könnte ich verzweifeln. Wirklich verzweifeln!

Oder aber … ich lerne, ganz auf Gott zu vertrauen. Ganz auf seine Gnade zu hoffen!

So können die Seligpreisungen für uns das sein, was für Martin Luther die Gerechtigkeit Gottes war.

Gelitten hat er darunter: Wie kann ein Gott gerecht sein, der ihn, den kleinen Martinus, so voller Begierden geschaffen hat. Wie kann ein Gott gerecht sein, der den Menschen unvollkommen geschaffen hat und ihn dann bestraft, weil er nicht vollkommen gelebt hat.

Erst als Martin Luther entdeckte, dass nicht er selber diese Kluft überbrücken muss, die Kluft zwischen Tun sollen aber nicht wirklich selber Können. Erst als Luther erkannt hat, dass Gott uns die Gerechtigkeit schenkt, wenn wir an ihn glauben. Begann er Gott zu lieben.


Insofern haben die Seligpreisungen ihren berechtigten Platz heute am Reformationstag. - Denn die reformatorische Erkenntnis war ja genau diese: Nicht Du, Mensch, kannst es schaffen, sondern Gott hat es für dich geschafft. Schau auf Jesus! Nicht du musst dich mühen, um vor Gott anerkannt zu sein, sondern Gott sieht dich gnädig an – als Sünder und Gerechtfertigter zugleich. Glaubst du das?

Wenn du das glaubst, dann kannst du aufhören und musst weder vor Gott noch vor den Menschen Verdienste aufweisen.
Du kannst aussteigen aus dem Karussell der Eitelkeit und des Besser sein wollen.

Gott sieht dich gnädig an, auch und gerade ohne, dass du etwas leisten musst und sollst!

Wenn ich weiß, dass mir selbst das Wesentliche im Leben geschenkt wurde. Dass ich angesehen bin, ohne mir erst mühsam Ansehen erwerben zu müssen. Dann, und nur dann bin ich frei, anderen ohne Erwartungen gegenüber zu treten. Nur dann bin ich frei, von meinem Beschenksein an andere weitergeben zu können!

Dann rückt das, was Jesus mit den Seligpreisungen ausspricht, vielleicht doch nicht in unendliche Ferne! Dann kann ich mich anderen hingeben, ohne zu verzweifeln, wenn das Erwartete nicht zurückkommt…

Alle Sorge um und Tat für Andere beginnen damit, dass ich weiß, dass für mich gesorgt ist.

Friedfertigkeit kann ich mir nur leisten, wenn ich weiß, dass ich nicht aus den Angeln gehoben werde, wenn der andere nicht friedfertig ist. Für Gerechtigkeit kann ich nur einstehen, wenn ich darauf vertraue, dass es einen anderen Ort gibt, an dem sich die Gerechtigkeit erfüllt.

Erst dann kann ich mich dem Anspruch von Jesus stellen. Dem Anspruch, den er in den Seligpreisungen ausspricht. Und den wiederum Schorlemmer ebenso umformuliert hat, womit ich schließen möchte

„Selig seid ihr, die ihr selber nie nachlasst, nach einem Leben in Würde für alle, nach Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit zu streben.

Selig seid ihr, die ihr selbst bereit seid, Einschnitte mitzutragen, denn das wird auch allen zugutekommen, sowie ihr euch nicht an den Reicheren, sondern an den Ärmeren orientiert.

Selig seid ihr Warmherzigen, denn durch euch wird das Eis der Bitternis schmelzen.

Selig, wenn ihr euch freimacht von allen Gedanken, Gefühlen und Taten der Vergeltung – und friedfertige Friedenmacher werdet und allen Gewaltanbetern gewaltig-gewaltlos entgegentretet. Gottes Kinder seid ihr.

Selig seid ihr Offenherzigen, denn ihr werdet vom Licht der Wahrheit erleuchtet.

Selig seid ihr, die ihr den Lügen nicht auf den Leim geht, die ihr wahrhaftig bleibt und mit einem getrösteten Gewissen lebt – so werdet ihr etwas von Gott selbst schauen.

Selig seid ihr, wenn ihr Rückschläge, Verachtung, Belächelung, Verunglimpfung ertragt. Ihr werdet Gewissheit finden und die Geduld lernen, dass das Richtige, Wichtige und Weiterhelfende auf Widerstand stößt.

Nur eure Zuversicht wird euch tragen.

So lasst euch, liebe Schwestern und Brüder, einberufen in den Frieden Gottes, der all unser Vermögen übersteigt aber auch all unser Vermögen erweitert. Lasst euch einberufen in den Frieden Gottes, der unseren Unfrieden gnädig umhüllt und unsere Hoffnung beflügelt.

So lebt im Frieden Gottes, der unsere Gedanken läutert, unsere Herzen wärmt und unsere Hände stärkt.“

Amen.

 

Pfarrer Ulf Döring

 

Die Schorlemmerzitate sind auf seiner Homepage im Zusammenhang seiner Auslegung der Seligpreisungen nachzulesen.

Es geht nicht nur ums Geld

Es geht nicht nur ums Geld – Predigt zur Kollektensammlung innerhalb der Reihe „Gottesdienst erklärt und gefeiert“

Liebe Schwestern und Brüder.

Herr, himmlischer Vater, nimm gnädig an dies Opfer unseres Dankes, das wir darbringen zu deiner Ehre. Lass die Gaben dir wohl gefallen und segne sie zur Förderung deiner Gemeinde. Durch Jesum Christum, unsern Herren.“

Kommen manchen von Ihnen und Euch diese Worte bekannt vor?

Ja, es ist das empfohlene Gebet nach dem Einsammeln der Kollekte. Am Altar gesprochen nach dem Ablagen der mehr oder weniger gefüllten Sammelbeutel.

Ich habe es, ehrlich gesagt, noch nie verwendet. Aus einem einzigen Grund:

Soll das wirklich unser Opfer sein? Ist die Kollekte der Ort, wo wir fleißige Geber sind? So fleißig, dass uns die Summe, die wir einlegen, wirklich weh tut. Denn ein Opfer ist es ja erst dann, wenn man wirklich von sich etwas hergibt, was diesen Namen verdient…

Nein, es ist kein Opfer! Es ist schon lange kein Opfer mehr.

Zum einen, weil die wirklich großen Spenden, die stecken wir nicht als Schein und werfen sie schon gar nicht als Münze in den Kollektenbeutel.
Die wirklich großen Beträge überweisen wir von unserem Konto für diesen oder jenen guten Zweck, an diese oder jene gemeinnützige Organisation. Ganz im Sinne von Jesus, der uns zu eher heimlichem Geben aufruft.

Zum anderen sind wir Evangelischen vorsichtig mit dem Opferbegriff im Gottesdienst. Weil die Mitte unseres rechtfertigenden Glaubens gerade darin besteht, von Gott beschenkt zu sein. Gott schenkt uns alles. Wir selbst können ihm gegenüber nichts tun – jedenfalls nichts, was zu unserem Heil beitragen könnte.

Niemand kann Gott durch irgendwelche Opfer zwingen. Niemand kann sich das Heil erkaufen. Sondern Gott schenkt uns in Jesus Christus alles.

Dieser Gedanke war Ausgangspunkt und Mitte der Reformation und ist es für uns Evangelische bis heute.

Interessant, dass dies von den Reformatoren gerade im 16. Jahrhundert so betont wurde. Denn sie erlebten, wie sich die Gesellschaft immer mehr auf das Geld hin ausrichtete. Es ist die Zeit des beginnenden Frühkapitalismus. Das Geld wurde immer mehr zum Wert an sich, dass es zu besitzen und zu vermehren galt.
Und so, wie man sich dieses und jenes kaufen konnte, dachte man bewusst oder unbewusst, sich bei Gott einkaufen zu können. Das aber ist unmöglich. ….

Doch machen wir einen noch größeren Zeitsprung, um den ursprünglichen Sinn der Kollektensammlung zu verstehen.

Übrigens sollte ich nicht von Kollektensammlung sprechen, denn „Kollekte“ an sich heißt schon Sammlung. – Denn das Lateinische collere heißt wörtlich übersetzt: sammeln.

Machen wir also den Zeitsprung und stehen mit den alten Israeliten vor der Stiftshütte bzw. später dem Tempel. Und bringen Gott dankbar das dar, was wir selber empfangen haben. Denn Gott stand ein Anteil von allem zu. Von den Früchten des Feldes und den Tieren der Herde. Besonders die Erstlinge, die gehörten ihm. D.h. das erste männliche Schäflein, das ein Mutterschaf geworfen hat. Auch der erstgeborene Sohn – er allerdings wurde mit einem Ersatzopfer ausgelöst. Die ersten Früchte eines Olivenbaumes usw.
Diese Opfergaben konnte man am Heiligtum – aber auch bei jedem Priester im Land abgeben.

Denn – dieser lebte davon.

Die Gaben, die die Menschen des Alten Testamentes Gott opferten, dienten zum großen Teil dem Lebensunterhalt der Priester und Leviten und allen anderen geistlichen Dienern und Angestellten.

Selbst Paulus nimmt Bezug darauf, wenn er sagt: Wer dem Evangelium dient, darf auch von diesem Dienst leben.

Alimentierung des Kultpersonals! Diese Funktion hat bei uns aber längst die Kirchensteuer übernommen… und kann deshalb heute nicht mehr Grund für die Geldsammlung im Gottesdienst sein.

War es aber mal!

Und ist es durchaus noch, wenn wir an jene Arbeiter im Weinberg des Herrn denken, die keinen regelmäßigen Lohn dafür empfangen. Die in freien Verbänden oder Vereinen missionarisch arbeiten. Ich denke z.B. an Familie Stegen.

 

Gott von den Erstlingen einen Anteil zurückzugeben. Der wichtigste Grund dafür war und ist vor allem ein theologischer: Wenn man Gott symbolisch einen Teil gibt, heißt dass, ihm gehört eigentlich alles: Der Mensch verdankt sich und seine Gaben ganz und gar und allein Gott! WIEDERHOLEN
Beim Zurückgeben, beim Opfern soll er sich dies immer wieder bewusst machen.

Somit ist das Opfer auch kein Gütigstimmen Gottes, kein Erwerben des Heils vor ihm, sondern ein dankbares Zurückgeben. Und sich bewusst machen: „Alles, was ich habe, kommt von dir und gehört dir, Gott,.“

 

Weil es aber in der Zeit des Alten Testamentes nicht nur dieses Speise- bzw. Erstlingsopfer gab, sondern auch Brandopfer und Sühneopfer – und es bei diesen in der Tat um ein Gott zu bringenden Ausgleich ging, l lag und liegt die Gefahr nahe, das eine mit dem anderen zu verwechseln. – Und heimlich mit dem Dankopfer ein Sühneopfer zu verbinden… „Gott wird’s mir schon vergelten…“

Noch etwas schwieriger und zu Verwechslung neigend war die Praxis der ersten Christen. Sie trafen sich in Häusern und verbanden mit ihren Treffs auch ein Agapemahl. Ein Sättigungs- und Liebesmahl. Dazu brachte jeder etwas mit. Man aß miteinander und … feierte dabei mit Brot und Wein die Gegenwart von Jesus.

Wenn sich daraus das Abendmahl als Sakrament entwickelt hat… und der Gemeindeleiter, später der Priester beim Darbringen von Brot und Wein vom Opfer Jesu sprach, war nicht ganz klar: Hat sich nur Jesus geopfert. Oder opfern nicht wir auch etwas. Denn all die Gaben, die auf dem Tisch stehen, sind doch von uns. Mitgebracht für andere – also auch geopfert. Geopfert damit auch für Gott ?!? …

Wie gesagt: Die Reformatoren standen deshalb dem so verwendeten Opferbegriff skeptisch gegenüber. Weil wir Menschen allzu schnell dazu neigen, uns irgendwoher Verdienste aneignen zu wollen. Weil wir allzu schnell Sühne- und Dankopfer verwechseln.

 

Fassen wir hiermit schon mal zusammen: Aus einem doppelten Grund wurden im Gottesdienst Geld oder Gaben gesammelt: Zum einen, um Gott ein Dank zu bringen, nennen wir es nun Opfer oder nicht. Zum anderen wurden die Mitarbeiter davon entlohnt.

Schließlich ist da noch ein
dritter Grund, fleißig jeden Sonntag eine Kollekte einzusammeln und sie auf den Altar zu legen. Sie anschließen zu zählen und an die Kassenstelle zu überweisen.

Ganz im Sinne von Paulus tun wir das, der im 1. Korintherbrief dazu aufruft, sonntäglich für andere etwas zurückzulegen. Paulus benennt auch diese anderen. Es sind die Heiligen in Jerusalem. An anderer Stelle sagt er: Die Armen unter den Heiligen.

Paulus sammelt unter den neu gegründeten christlichen Gemeinden im östlichen Mittelmehrraum. Wenn er dann die Gemeinden wiedermal besucht, nimmt er deren sonntägliche Sammlung mit in die Heilige Stadt, wo die Urgemeinde ausharrt.

Warum tut er das so beflissentlich? Warum schärft er den Gemeinden das immer wieder in seinen Briefen ein? Geht es ihm wirklich nur ums Geld, um das wirtschaftliche Wohlergehen der Urgemeinde?

Ja und nein.

JA, weil ohne Geld niemand leben kann. Weil, auch wenn wir von einem himmlischen Schatz sprechen, der uns mit dem Evangelium gegeben ist, wir weiterhin irdisch bleiben.

Und NEIN, weil es Paulus um noch etwas viel Größeres ging. Wenn die damals bestehende Weltchristenheit– und so darf man ja die Summe der Gemeinden bezeichnen, auch wenn es am Anfang noch wenig waren – wenn diese für die kleine Gemeinde in Jerusalem gesammelt hat, symbolisiert das, dass man zusammen gehört.
So unterschiedlich die Heidenchristen und Judenchristen waren, bilden sie doch eine Einheit.
Sind ein Leib in Christus.

Es ging Paulus um die Einheit der Gemeinden, der Kirche im Ganzen – bei aller Verschiedenheit. Das Einstehen füreinander, dass sich um den anderen kümmern und helfen, auch wirtschaftlich. Darin wird die Einheit sichtbar und konkret.

Diese Buntheit und Verschiedenheit wird heute auch durch die Summe der verschiedenen Kollektenzwecke deutlich.

  • Katastrophenhilfe und Hilfe für Kirchen in Osteuropa

  • Ev.-Luth. Missionswerk Leipzig e. V

  • Besondere Seelsorgedienste: Krankenhaus- und Klinik-, Gehörlosen-, Schwerhörigen-, Justizvollzugs- und Polizeiseelsorge

  • Wir sammeln für Evangelische Schulen

  • Oder die Ökumene und Auslandsarbeit der EKD

Um nur 5 der 28 Kollekten zu nennen, die wir einem besonderen Zweck zukomme lassen und zumeist an andere weitergeben.

Der diakonische Grund symbolisiert zugleich die Einheit der Kirche. Und ist damit der dritte Grund.

Wir bringen dir, Gott, von dem, was auch wir nur empfangen haben. Lass es zum Segen werden. für diesen oder jenen Zweck.“ So beten wir, so bete ich nach jeder Sammlung.

Und wenn wir auch oft für uns selbst sammeln, damit die Arbeit und das Leben der eigenen Gemeinde weitergehen können, ist auch dies nicht zuletzt ein diakonischer, der die Einheit im Blick hat.
Die Kollekten für die eigene Gemeinde dienen den vielfältigen Aufgaben, die wir leisten können und müssen. Damit wir hier im Stadtteil präsent sind mit unserer Kirche und den anderen Gebäuden, mit dem Michaelsboten und vielen Veranstaltungen und v.a. Gottesdiensten… und durch so manchen Mitarbeitenden, für den wir als Kirchgemeinde kein Geld von der Landeskirche bekommen.

 

Eine letzte Frage soll und muss gestellt werden:

Wenn die Kollekte die Einheit der Weltchristenheit symbolisiert. Wenn mit der Kollekte den Armen der Heiligen geholfen werden soll, wie Paulus sagt. Dann ist die Frage berechtigt: Wo sind heute Gemeinden, die dieser Hilfe besonders bedürfen?

Denn… wir in Europa, besonders wir Gemeinden in Deutschland sind doch reich, sehr reicht. Unsere Sorgen sind im Vergleich zu den Nöten vieler anderer Christen in der Welt sicher eher gering?!?

In diesen Tage habe ich die Rede von Navid Kermani gelesen, die er anlässlich der Überreichung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat. Da berichtet er voll Anteilnahme von Jacques Mourad, dem katholischen Geistlichen, der als Mönch das Kloster Mar Elian inmitten der syrischen Steppe leitete und zugleich die kleine christliche Gemeinde in Qaryatein betreute. 200 Seelen hatte die Gemeinde.

Zum Ausharren hat er seine Mitchristen ermutigt. Zum Ausharren, auch wenn die IS-Kämpfer blutrünstig anrückten. Sein christlicher Glaube und seine Liebe zum Nächsten waren stärker, als die Angst vor den heranrückenden Feinden.

Und seine Hoffnung, dass das christliche Abendland nicht wegsieht, sondern beihilft, parteiergreift, diplomatisch oder auch militärisch handelt.

Mails hat er geschrieben aus seinem Kloster heraus. „Es ist schwierig, zu entscheiden, was wir tun sollen.“ Schreibt er. Und weiter: „Sollen wir unsere Häuser verlassen? Das fällt uns schwer. Einzusehen, dass wir verlassen sind, ist fürchterlich – verlassen zumal von der christlichen Welt, die beschlossen hat, auf Distanz zu gehen, um die Gefahr von sich fern zu halten. Wir bedeuten ihnen nichts.“

 

Das Kloster und der Ort Qaryatein wurden von den IS überrannt, die Christen entführt und die über 1700 Jahre alten Klostermauern mit dem Bulldozer niedergemacht.

Nun sind alle in Geiselhaft, Gefangene der islamistischen Fundamentalisten und gnadenlosen Terroristen .. und sehen dem Tod ins Auge. – Allein Jacques Mourad wurde befreit, befreit von muslimischen Freunden.

Am Ende seiner Rede lud
Navid Kermani zu einer Fürbitte für diese gefangenen Christen ein. Statt Applaus Gebete. Das ist ungewöhnlich in unserer säkularen Welt.

Aber, es entspricht dem tiefen Gedanken, den Paulus mit dem Sammeln der Kollekte verbindet: Für die Armen der Heiligen da zu sein. Verbundenheit zu zeigen. Für sie zu beten und ihnen konkret materiell zu helfen!


Dem
Impuls zur Fürbitte möchten wir dann nachkommen.

Und die Frage, wie wir konkret auch materiell helfen können, uns allen ans Herz legen.
- Denn, wir sind ein Leib in Christus. Und wenn ein Glied leidet, leidet der ganze Körper.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsere Vernunft fassen kann, bewahre uns und unsere Schwestern und Brüder im Glauben.

Amen

Pfarrer Ulf Döring

Getauft oder mit allen Wassern gewaschen

Predigt innerhalb der Predigtreihe GOTTESDIENST erklärt und gefeiert zum Thema:
„Getauft oder mit allen Wassern gewaschen“

Wir möchten nicht
dass unser kind
mit allen wassern gewaschen wird
wir möchten
dass es
mit dem wasser der gerechtigkeit
mit dem wasser der barmherzigkeit
mit dem wasser der liebe und des friedens
reingewaschen wird

wir möchten
dass unser kind
mit dem wasser christlichen geistes
gewaschen
übergossen
beeinflusst
getauft wird
wir möchten selbst das klare
lebendige wasser für unser kind
werden und sein
jeden tag

wir möchten auch dass seine paten
klares kostbares lebendiges wasser
für unser kind werden
wir hoffen und glauben
dass auch unsere gemeinde
in der wir leben und dass die kirche
zu der wir gehören
für unser kind das klare kostbare
lebendige wasser der gerechtigkeit
der barmherzigkeit der liebe
und des friedens ist

wir möchten und hoffen
dass unser kind das klima
des evangeliums findet
wir möchten nicht dass unser kind
mit allen wassern gewaschen wird

deshalb in diesem bewusstsein
in dieser hoffnung
in diesem glauben
tragen wir unser kind zur kirche
um es der kirche
der gemeinde zu sagen
was wir erwarten für unser kind
was wir hoffen für unser kind
wir erwarten viel
wir hoffen viel.

Mit diesem Gedicht von Willhelm Wilms sind wir bestens eingestimmt auf das Thema TAUFE.

Ja, eigentlich ist alles schon gesagt. Und wir brauchen es nur noch mit Leben füllen… das Klima des Evangeliums in unserer Kirchgemeinde. Das Klima, in dem Hoffnung und Glauben gedeihen, Barmherzigkeit und Liebe sich ausbreiten und Friede und der Geist Christi herrschen.

Aber, was sich so einfach sagt, ist es oft nicht.

Nicht zufällig sagt Jesus im Taufbefehl … in den letzten Worten des Matthäusevangeliums … wir haben es eben in der Lesung gehört. Er sagt nicht zufällig: „Taufet UND Lehret sie halten“

Die Taufe und die Christenlehre – sie gehören zusammen, ja bedingen einander!

Denn, wenn man nur getauft ist, aber nie wirklich etwas von Jesus, von seinem Leben in Nazareth und Galiläa, in Israel und Judäa gehört hat, ebenso nicht von seinen wunderbaren und anstößigen Geschichten und Gleichnissen…, wenn einem seine Leidensgeschichte und Kreuzigung, sein Tod in Golgatha fremd sind und ebenso die Begegnung seiner Anhängerinnen und Anhängern am Ostermorgen vor den Toren der Stadt Jerusalem.

Wem das nie im Leben begegnet ist, da ist die Taufe fast umsonst gewesen. Wer als Kind nicht im christlichen Glauben unterwiesen und dessen Eltern dann, wenn es auf die Konfirmandenzeit zugeht, zu dieser einfach angemeldet wird, der oder die wird denken, der Pfarrer erzählt Käpt´n Blaubergeschichten.

„Taufet sie und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Gehören zusammen!!!

Denn, in mir und dir leben doch nur die Dinge, auf die hin wir gestupst wurden. Wir haben nur die Impulse in uns, die jemand uns irgendwann gegeben hat. Wir malen unser Leben nur in den Farben, die andere uns gereicht haben. Das, was wir tun und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das färbt auf uns ab. Natürlich. Diese simple Wahrheit gilt, wenn wir Hobbys für uns entdecken, wenn wir unsere Freizeit planen, wenn wir über uns und unser Leben nachdenken. Und wenn wir uns in die Welt aufmachen.

Taufen und im christlichen Glauben unterweisen gehören zusammen. Sonst wird der Glaube einem fremd bleiben! – Logisch.

Aber auch umgekehrt wird ein Schuh draus. Nur im Glauben unterweisen und dann hoffen, dass man sich als Jugendlicher oder Erwachsener dann irgendwann im Glauben soweit gefestigt fühlt, um getauft zu werden…, auch das entspricht nicht unserem Verständnis von Taufe.

Nein, wir Lutheraner taufen ganz bewusst unsere Babys und Kleinkinder. …

Warum?

Na, weil ich als Mensch gewollt bin! Jeder ist gewollt. Ist un-Bedingt – im wahrsten Sinne des Wortes „ohne Bedingung“ von Gott angenommen und geliebt.“ Das kann ich mir nicht selber sagen. Keiner kann sich das selber sagen. Man kann es sich dieses große JA über dem eigenen Leben nicht erarbeiten, nicht erstreiten, auch nicht erglauben, ob man endlich würdig genug ist und fest genug glaubt.

Eine 39jährige Frau sagt es so: Die Taufe gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit; niemand kann mir die Zusage Gottes wegnehmen, dass ich mich zu ihm flüchten kann. Egal, was ich tue, das ist und bleibt da. Auch die kleinen Kinder sollen diese Zusage haben, etwas ganz Positives, das ihnen passiert. Bei der Geburt ist ja nicht unbedingt jemand da, der glücklich über einen ist. Bei der Taufe ist das anders.

Gott sagt JA zu mir in der Taufe. Das ist die geistliche Tiefe unserer Taufe.

So ist die Taufe ist Liebeserklärung und Treueversprechen Gottes gegenüber uns Menschen. Gegenüber mir und dir und jedem, der getauft ist.
Diese Zusage Gottes ist an keine Bedingungen geknüpft. Und noch bevor ich sage, dass ich mit Gott leben will, hat es Gott längst schon zu mir gesagt.

Nicht auf meinem Glauben gründet die Taufe, sondern auf Gottes Zusage! Und nichts kann dies besser symbolisieren, wie wenn ein Kind getauft wird.
Ein Baby kann nur empfangen, selber aber nichts tun.

Gottes Zusage kann durch nichts zerstört werden, auch nicht durch Schuld, die Menschen auf sich laden. Auch dann, wenn Menschen sich nur noch als Nummer erleben, als statistische Größe oder als Rädchen im Getriebe. Es bleibt dabei: Ich bin von Gott gewollt und gehöre zu ihm.

Trotzdem bedarf dieses große JA Gottes … das JA von uns Menschen. In der Taufe sprechen es – stellvertretend für das Kind die Eltern und Paten. Die Paten sind - es steckt im Wort patres, es sind wörtlich übersetzt Väter oder eben auch Mütter. Geistliche Eltern sozusagen.

Eltern und Paten sagen JA, damit der kleine Täufling, wenn er groß wird, es selber einst sagen kann. Dazu gibt es die Konfirmation. Konfirmation vom Lateinischen confirmare heißt nichts anderes als bestätigen, Bestätigung der Taufe.

Und diese kann man nur ehrlich mitsprechen, wenn ein Mindestmaß an christlicher Erziehung stattgefunden hat.

Hier schließt sich der Kreis von Jesu Taufbefehl, wenn er sagt, dass wir taufen sollen und gleichzeitig die Getauften auch lehren.

Diese beiden Dinge, dieser fast schon Zirkelschluss, sind mir im Blick auf die Taufe besonders wichtig. Damit unsere Kinder eben nicht mit allen Wassern gewaschen sind. Damit sie nicht nur den rauen Einflüssen der Gesellschaft ausgesetzt sind. Damit sie andere Dinge auf der Festplatte des Lebens haben, als Selbstsucht und Ellenbogenmentalität.

Mit der Taufe sind wir alle in den göttlichen Kreislauf von lieben und geliebt werden hineingenommen. Das ist was ganz schönes, und darf herzlich gefeiert werden.

Wenn das Neue Testament von Taufen spricht ist auch von Abgewaschen und neu geboren werden die Rede.

Die ersten Generationen der Christen wurden so auch nicht nur mit etwas Wasser besprenkelt, sondern man hatte damals ganze Taufbecken. Ein Erwachsener stand bis zu den Hüften im Wasser und wurde mit so viel Wasser getauft, dass er ringsum von einem Wassermantel eingehüllt war.

Er sollte in diesem Taufbad neugeboren werden aus dem Wasser und dem Heiligen Geist. Dreimal wurde der Täufling untergetaucht. (Übrigens kommt das Wort taufen von tauchen.)
Damit sollte handgreiflich der Tod durch Ertrinken und die Rettung aus diesem Tod symbolisch dargestellt werden.

Denn Getauft sein heißt, wie Paulus sagt: mit Christus begraben werden, um mit ihm auferweckt zu werden zum neuen Leben.

Eine Inschrift aus dem 5.Jhd. auf einem römischen Taufbecken sagt es so: Hier ist die Quelle des Lebens. Den ganzen Erdkreis umspühlt sie. Aus der Wunde des Herrn nahm sie gesegneten Lauf.

Mit dem Wasser der Taufe können wir mit den Sinnen etwas wahrnehmen, was sich eigentlich unseren Sinnen entzieht. Sichtbar und wahrnehmbar ist das Wasser - unsichtbar das Begraben werden mit Christus, um mit ihm zum neuen Leben aufzuerwecken.

Spürbar das Erfrischtwerden durch das kühle Nass - unsichtbar das Gestärktwerden durch den Heiligen Geist.

Erfahrbar das Gefühl gereinigt zu sein. Unsichtbar das Abwaschen des alten Menschen mit seiner Schuld.

In ganz verschiedenen Bildern versuchten die Autoren des Neuen Testaments, dem Geheimnis der unsichtbaren Seite der Taufe auf die Spur zu kommen.

Die meisten Bilder verwendet Paulus. Von Versiegeln spricht er beispielsweise. Im 2.Korinterbrief (1,22)   vergleicht er das Taufgeschehen mit einer Versiegelung. So wie ein Sklave das Siegel seines Herren aufgeprägt bekam, um so deutlich zu machen, dass er unauslöschlich seinem Herrn gehört, so gehört der Christ fortan seinem Herrn. Das bedeutet auch, unter dem Schutz des Herren zu stehen.

Durch die Taufe, so sagt Paulus, werden wir in den Leib Christi eingegliedert. Wir werden also hineingenommen in seine Gemeinschaft, seine Gemeinde, seinen Herrschaftsbereich. (1.Kor.12,13)

Jede Religion hat einen Aufnahmeritus. Für uns ist es die Taufe. So wie bei den Juden noch die Beschneidung am 8.Tag.

Mit seiner Taufe gehören unsere Tauflinge fortan zur Gemeinde. Es ist ein Höhepunkt in ihrem Leben. Und zugleich ein festlicher Moment für die ganze Gemeinde.

Deshalb sollte die Taufe auch im Gottesdienst der Gemeinde stattfinden. Nicht nur, weil das Versprechen der Paten und Eltern am Taufstein der Gemeinde gilt .. und nicht mir persönlich oder als Pfarrer. Und deshalb die Gemeinde auch zugegen sein.

Ich denke: Eine Taufe ohne Gemeinde ist wie ein Schulanfang ohne dass die Klasse dabei ist.

Dass wir als Evangelische Kirche angefangen haben, samstags in einem extra Gottesdienst zu taufen, war der Situation zum Anfang des 20 Jahrhunderts geschuldet, als ein starkes Bevölkerungswachstum dazu führte, dass in fast jedem Sonntagsgottesdienst 3, 4, 5 oder mehr Taufen stattfanden. Es war die Rettung des normalen Sonntagsgottesdienstes, die Taufen auszulagern.

Sehr viele Gemeinden sind längst wieder dazu übergegangen, es nur im Beisein der sonntäglichen Gemeinde zu tun.

Auch bei uns in Bühlau tun wir dies. Wenngleich gerade in den Sommermonaten doch eine große Taufbereitschaft besteht, was ein Geschenk ist. Und wofür wir dankbar sind. Und mancher Gottesdienst dadurch recht lang wird.

Deshalb bin ich dazu übergegangen, nach Möglichkeit 2 oder 3 Kinder in einem Gottesdienst zu taufen, um am nächsten Sonntag dann genug Zeit und Raum für das andere Sakrament unserer Kirche zu haben, das Abendmahl.

Damit möchte ich enden…, mit dem Hoffen und Wissen, dass Gott so manche Eltern- und Kinderherzen anrührt, sich in der Taufe zu ihm zu bekennen und gleichzeitig sich Gottes unbedingtes JA zusprechen zu lassen. So steht Gott zu seinem Wort und erhält seine Kirche.

Amen